|OKK| - Organ kritischer Kunst - organ of critical arts



Mythos Avantgarde
Mythos Avantgarde:
Pablo Hermann / Organ Kritischer Kunst


alt
Foto: Peter Weibel Das offene Werk 1964-1979

1. Historischer Kontext
2. Militärischer Begriff & Irreführung der Begrifflichkeit - Avantgarde
3. Aktueller politischer Kontext
4. Protestkunst = kritische Kunst?
5. Rhizomatik in der aktuellen Kunst
6. Betriessysteme innovativer kritischer Kunst – avantgardistische Funktion heute
7. Avantgarde des Prekariats?
8. Paradoxon der Begrifflichkeit
9. Avantgarde und Revolution
10. Die Auflösung des Mythos
11. Die avantgardistische künstlerische Praxis – heute


1. Historischer Kontext

Der Begriff "Avantgarde" (A.) ist in der Kunst sehr stark mit der Kritik, Widerständigkeit und der politischen Intervention auf künstlerischer oder aktivistischer Ebene verbunden, er geht einher mit einer Infragestellung der herrschenden Situation, sowohl stilistisch als auch auf dem ideologischen, politischen Feld, sowohl auf künstlerkritischem als auch sozialkritischem Terrain.


politische avantgarde
leninistisches Modell als Avantgarde des Proletariats [Hierarchisierung führt unweigerlich zur Parteidiktatur bzw. in eine (militärische) Diktatur]
vs.
avantgarde als politische erneuerung (ruptur)
postiv interpretiert, impliziert sie eine gewisse progressive Linearität, ein Voranschreiten im Sinne von "auf zu neuen Ufern", und somit deutlich mehr, als die (ganz selbstverständliche) Nutzung / Einbeziehung technischer Neuerungen

------------------------------ schaukasten--------------------------------------
ARBKD (asso), rote Gruppe (schnittmenge)
Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands
(1928 – 1933)
künstlerische avantgarde
klassische avatgarde(Moderne) vs. Inhaltliche A. vs. Stilistische A.
avantgarde als institution ?
sozialistischer realismus

------------------------------ schaukasten--------------------------------------


2. Militärischer Begriff & Irreführung der Begrifflichkeit - Avantgarde

Das Wort Avantgarde ist aus dem militärischen Jargon entliehen, wird in sozialrevolutionären Theorien ab dem 19. Jahrhundert benutzt und bedeutet Wegbereiter oder Vorhut, also eine Art Vorkämpfer, die die Menschheit mit innovativen Ideen und neuen Theorien konfrontieren (nach dem leninistischen Modell). Dieser Terminus wurde und wird auch auf die Kunst angewandt in der Beschreibung der Moderne und bedeutet eine immer wiederkehrende Herausforderung für die Kunstschaffenden auf der Gratwanderung zwischen künstlerischer Autonomie und Instrumentalisierung durch Sachzwanggebundenheit.
Der militärische Aspekt des Begriffs bringt implizit eine vorgegebene Vorstellung von Hierarchie mit sich, die eine entscheidende Rolle bei der Entmystifizierung des Avantgardebegriffs spielt.
Der Avantgardebegriff ist kompliziert, denn er birgt etwas Elitäres in sich. Eine wahrhaftige kulturelle Avantgarde kann in ihrem Selbstverständnis gar nicht elitär sein – denn kollektive Entscheidungsfindung und flache Hierarchien, also basisdemokratische Wissensgenerierung und Forschung, machen die neuen sogenannten 'avantgardistischen' Bewegungen aus. Dies spielt auch bei der Darstellung des Begriffs des Künstlermythos eine entscheidende Rolle, die nicht weniger zu beachten ist. Die Begrifflichkeit des Avantgardistischen setzt zumindest in seinem bisherigen kunsthistorischen Kontext eine starke Künstlerfigur voraus, dass diese meist männlich und weiß ist, sei an dieser Stelle nur beiläufig erwähnt. Die starke Künstlerfigur ist es die heute nach wie vor die allgemein gültige Vorstellung von einem erfolgreichen und zeitgenössisch wichtigen Künstlertum prägt. Dass hier ein Modell der bürgerlichen Wertevorstellung bedient wird, welches durch das Künstlerbild der Renaissance geprägt ist wird meist nicht wahrgenommen und, dass die zeitgenössischen Darstellungen von Avantgarde unter den Kunstschaffenden heute in eine andere Richtung weisen ist der breiten öffentlichen Meinung auch nicht wirklich bewusst. Die Vorstellung des Avantgardebegriffs, auch wenn es sich bei den Referenzbeispielen um sogenannte Kollektive handelt, ist immer noch an eine extreme Hierarchisierung gebunden und wird im Allgemeinen auch so gedacht.

Ein weiterer Punkt, der bei der Begrifflichkeit der A. zu bedenken ist, ist dass sie als Gegenmodell zum Mainstream entwickelt wurde, aber deswegen nicht weniger hierarchisch ist. Das politische Avantgardemodell (nach Lenin) ist, wie wir alle wissen, in einer Diktaturensackgasse stecken geblieben und hat die eigenen revolutionären, vom "kommunistischen Mainstream" abweichenden, Positionen genauso erbittert bekämpft wie die feindlichen Positionen aus den rechten und bürgerlichen Lagern.
Das Avantgardemodell im Künstlerischen ist auch eine Hierarchisierung der Kunst und der Künstler_innen. Dadurch, dass diese Positionen als Wegbereiter verstanden werden und durch die Kunstkritik und in der Folgezeit durch die Kunstgeschichte in den künstlerischen Diskurs integriert wurden, stilisieren sie diese zu elitären Kulturavataren, die dem Rest der Künstler_innen gegenüber weit voraus und überlegen sind und somit in einer hierarchischen Positionierung übergeordnet sind.

Was jedoch für mein Verständndnis von revolutionärer Kunst an erster Stelle steht, ist es eben zu versuchen, diese Hierarchieen zu durchbrechen, und alternative Arbeits- und Produktionsformen zu entwickeln. Beziehungsweise die vorhandenen Ansätze weiter zu entwickeln, und rhizomatisch die verschieden Disziplinen und Methoden zu dekonstruieren und erneut zusammen zu bauen. Man sollte diese Innovation als eine Art „(r)evolutionären", avantgardistischen Prozess denken, der sich in schneller Abfolge der Subjekte sumiert und netzwerkartige Kulturkonglomerate bilden kann.


3.  Aktueller politischer Kontext:


Demzufolge kann man sagen, dass der Begriff Avantgarde oder avantgardistisch historisch richtig nur auf die Avantgarden der Moderne anzuwenden ist, dennoch wird oft von avantgardistischer Kunst gesprochen, und einzelne Künstler_innen behaupten von sich (A.) Vorreiter zu sein. Wie dem auch sei: Der Begriff ist veraltet, heute nicht mehr zutreffend und birgt ohnehin schon mehrere Beigeschmäcker, zum einen von elitärem Vordenkertum und andererseits von Hierarchisierungsmechanismen, die aus militärischer Doktrin stammen.
Die Elitarisierung geht einher mit einer Subjektfixierung der Kunst, das heißt mit der Fixierung der Kunst auf einzelne Künstlerstars und deren Fetischproduktion, die Arbeit an der Kultur ist verkommen zu einem Ritual des am eigenen Ego schuftenden, sich abarbeitenden Individualisten und seinen 'avantgardistischen Ideen', in vermeintlich selbstbestimmter Freiheit, sprichwörtlich hinter dem Schleier der künstlerischen Autonomie. Das Elitedenken was besagt, dass kleine vorherbestimmte Gruppen von Vorreitern in den Künsten die herausragenden und wichtigen Positionen markieren und der Rest der Künstler_innengemeinde, die hinterher trottende, präkarisierte Herde darstellt, kann nicht Maßstab ästhetischer Produktion sein.

Das Revolutionäre, das Neue innerhalb der Kunst, geht nicht mehr unbedingt einher mit Ruptur, Zerstörung, Verwerflichkeit, und absoluter Kontraposition, wie es die Avantgarden der Moderne zu tun vorgaben, aber oftmals nicht erreichten, da sie vom jeweiligen hegemonialen System durch Ausdehnung der Akzeptanzlinie einverleibt wurden. Und wenn man es aus ökonomischer Sicht betrachtet, hat das Subsystem Kunst niemals anders funktioniert als die 'reale' Welt und ihre systemimmanente Verwertungslogik.
Nein. Das Neue (r)Evolutionäre innerhalb der Kunst speist sich vielmehr aus der Heterogenität der vorangegangen künstlerischen Ausdrucksformen und geht immer neue Allianzen mit Wissenschaft, politischem Aktivismus und sogar metaphysischem Gedankengut ein.
So wie es sich vom Fetisch Objekt loszulösen vermag, so versucht es sich als rhizomatische Struktur zu präsentieren, losgelöst von einzelnen subjektiven Künstlerpossen, die durch Markt und Spektakel instrumentalisiert werden können.

Es gibt zum einen die Unterscheidung zwischen Protestkunst und dem in den Dienst der Kritik oder des Protestes gestellten Werkes.
Und zum anderen die Unterscheidung zwischen künstlerkritischen und sozialkritischen Werken:

„Während die Künstlerkritik als eine radikale Infragestellung der Werte und Grundoptionen des Kapitalismus auftritt und den Sinnverlust bzw. das verloren gegangene Bewusstsein für das Schöne und Große als Folge der Standardisierung und der Warengesellschaft ins Zentrum der kritischen Analyse stellt, versucht die Sozialkritik Ungleichheits- und Armutsprobleme zu fokussieren und sich in Ausbeutungstheorien an der Verarmung der unteren Klassen in reichen Gesellschaften abzuarbeiten.[...]“


[Johannes Springer aus Rezensionsforum/Literaturkritik: www.literaturkritik.de November 07]

Was man unter Protestkunst verstehen kann sind Konzepte oder Grundideen des Protestes, die sich wie ein Leitfaden durch das Werk (oder besser die Werke/Projekte) einer Künstler_in bahnen. [Beispiele hierfür wären: Mark Lombardi, Situationistische Internationale, John Heartfield, Tina Modotti, Critical Art Ensemble, u.v.m.]
Die Kunst wird als Werkzeug im Kampf gegen die Verletzungen der Rechte des Menschen und der, des gesamten Planeten (in all seinen erdenklichen Erscheinungsformen) benutzt. Sie arbeitet und experimentiert mit den unterschiedlichsten technischen, methodologischen und ästhetischen Mitteln, um auf Missstände hinzuweisen, oder, wenn sie geschickt konzipiert ist, auch um direkt gegen Missstände zu intervenieren.

Man kann von einem in den Dienst des Protestes gestellten Werkes reden, wenn einzelne Arbeiten/Serien aus politischer Motivation heraus entstanden sind. Beim Beispiel Picasso wären die wichtigsten: Guernica, die Friedenstaube, Massaker von Korea, einige Plakate zur Solidarität mit der spanischen Republik, sowie eine überschaubare Serie von Gemälden zum Koreakrieg. Verglichen mit der enormen Zahl an Werken, die Picasso während seiner langen Schaffensphase produziert hat, ein verschwindend geringer Teil, darum kann man von Picassos Kunst nicht von Protestkunst sprechen, wenngleich man ihn als stilistischen Avantgardisten bezeichnen muss. Die Form seiner Kunstproduktion und deren Rezeption haben aber eher das Gegenteil als etwas Avantgardistisches an sich, denn er folgt unhinterfragt seinem wirtschaftlichen, kapitalistischen Erfolgsmodell und lässt sich gleichzeitig beweihräuchern, als Mitglied der kommunistischen Partei mit revolutionären Ehrungen, wie dem ihm verliehenen „Stalin-Friedenspreis“ 1950, und den 1962 erhaltenen „Lenin Friedenspreis“. Picasso bezeichnete seine Kunst als kommunistische Kunst, dies sei in der Frage nach einer radikalen, revolutionären Kunstpraxis, zumindest in der Produktionsfrage (Verwertung), allerdings mal dahingestellt.
(Kunst im Dienst, oder im Fahrwasser einer jeden Ideologie sei kritisch zu betrachten)
mit dem Label A. wurde beinahe jede technisch/stilistische Innovation im Bereich der (nicht nur bildenden) Kunst seit den Impressionisten versehen, die sich vornehmlich technisch und stilistisch von dem Bisherigen unterschied - leider oftmals ohne inhaltlich progressiv zu sein, dies werde ich fortan als stilistische Avantgarde bezeichnen.

A. als Bezeichnung, die von Künstler_innen selbst gewählt wurde, um ihre Positionen zu beschreiben, welche unweigerlich Themen wie Selbstverherrlichung und Narzissmus hervorbringt - oder eine Etikettierung, vorgenommen von der Kunstkritik und Gesellschaft, das sind die zwei großen Fragestellungen oder besser gesagt Vektoren aus deren Position aus man diesen Begriff beleuchten kann, jedoch ist die Blickrichtung nicht ausschlaggebend für die Analyse der Begrifflichkeit und Ihrer Auswirkungen. Zwar steht der Begriff für bestimmte Werke, Personen, Gruppen, Strömungen, die den bekannten Referenzrahmen sprengen, jedoch ist die Frage nach der Instrumentalisierung und der (Selbst)Inszenierung immanenter Faktor einer kritischen Kunst.
Dass eine als A. bezeichnete Bewegung durchaus auch chauvinistische und reaktionäre Tendenzen (Befürwortung der Gewalt und des Krieges) annehmen kann, wie am Beispiel der italienischen Futuristen zu sehen ist, hat natürlich auch mit narzisstischen Ursprüngen zu tun, wie ich schon erwähnte ist die Symbolfigur einer künstlerischen Avantgarde meist eine männliche, weiße Person bei der die Subjektfixierung und Individualismusideologie, zum Nährboden einer gefährlichen Instrumentalisierung künstlerischer Arbeit werden können.

4. Protestkunst = kritische Kunst ?

vollständiger Text:
>>> Download PDF

 
Deutsch (DE-CH-AT)English (United Kingdom)