|OKK| - Organ kritischer Kunst - organ of critical arts



_d13 -Zusammenbruch und Wiederaufbau des Zusammenbruchs-
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POT/Kassel
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d13 „ZUSAMMENBRUCH UND WIEDERAUFBAU DES ZUSAMMENBRUCHS“

Francisco José Avestruz   

Zehn Jahre nach der Kapitulation der Nazis und der Verdauung des deutschen Volkes über das geistesgestörte Abenteuer des Nationalsozialismus, kam die erste Documenta in Kassel 1955 zur Welt. Im gleichen Jahr taucht das frühere Wehrmachtelement (1939-1945) und Oberleutnant (1944-1945) im Heer Adolf Hitlers, F.J. Strauß in Kassel auf, um schon als damaliger Parteivorsitzender der CSU, Atomminister der Bundesrepublik Deutschland (1955), späterer Verteidigungsminister, Ministerpräsident Bayerns und Kanzlerkandidat Deutschlands, den Wiederaufbau der Rüstungsindustrie in Kassel in der Nachkriegszeit zu beschleunigen (die kaum 10 Jahre seit der Kapitulation der Nazis eingeschlafen war). Dann die Neugründung der Bundeswehr am 5. Mai 1955. Seit den fünfziger Jahren war Strauß schon ein wichtiger Lobbyist des NATO-Beitritts und offener Vertreter der McCarthy-Ära, die die Hexenverfolgung Andersdenkender(1) des okkupierten Deutschlands vorantrieb. Seine Bemühungen in Kooperation mit den kulturellen und wirtschaftlichen Institutionen war für das Erwachen der eingeschlafenen Kriegsproduktion schon in der zweiten hälfte der fünfziger Jahre ein Erfolg. Die beiden Nachfolgefirmen von Henschel(2) (6 Generationen und im Naziregime mit über 6000 Zwangsarbeitern) und Wegmann(3), Rheinmetall(4) und Krauss-Maffei Wegmann(5) sind in den 50er Jahren wieder mit Pauken und Trompeten ins Kriegswaffengeschäft eingestiegen.

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Francisco José Avestruz auf Münze der Bundesrepublik Deutschlands

 1955 war dann das Jahr des Erwachens von Kassel nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in einem Jahrzehnt voller Verzweiflung, Hunger, Schuldgefühle und Widerstand hin zum Wiederaufbau der Kriegsmaschinerie, Verfolgung von Pazifisten des linken und religiösen(6) Spektrums, -die Soldaten als Mörder bezeichneten-, Denunzierungen, Wiedereinsetzung von ehemaligen Nazis(7) in Sicherheitsbehörden und Politik Hand in Hand mit den Occupierten. Diese turbulenten Zeiten waren die Plattform für die Entstehung der ersten Documenta um gleichzeitig diese Turbulenzen zu beruhigen. Wiederaufbau, Wiedereinsetzung, Neugründung...

Wieder, wieder und wieder, das ist teil des Mottos, das Carolyn Christov-Bakargiev für ihre Documenta 13 gewidmet hat „Zusammenbruch und Wiederaufbau“. Zusammenbrüche und Katastrophen aus natürlichen Prozessen (Meteoriteneinschläge, Erdbeben, Flutwelle...) mit ihrer Selbstregenerierung/Heilung der Natur und auch parallel dazu Zusammenbrüche und Katastrophen von Menschenhand gemacht (Pogrome, Kriege, Vertreibungen, Ausbeutung, Versklavung...) mit ihrem jeweiligen Wiederaufbau/Selbstregenerierung, werden mit einem holistischen Bezug auf der gleichen Ebene entlang der verschiedenen Ausstellungsorte der dOCUMENTA für eine Klientel von mehr als 750.000 „raffinierten“, privilegierten Besuchern dargestellt. Die Botschaft ihres difussen Konzept Non-Konzept und ihrer Darstellung wird von einer Masse von Mainstream Publikum gelesen, als ein natürlicher Prozess, als gehörten Krieg und Neokolonialismus zu einem natürlichen Verhalten unserer Existenz als Gruppe. Katastrophen durch Krieg mit Ausbeutung, Verblendung, Folter, Vertreibung, Rassismus und alle Symptome von Krankheiten, wie Hass und Gewalt wären dann natürliche Prozesse, die in unserer Existenz passieren sollten. So wie bei jeder Umweltkatastrophe würden auch koloniale Prozesse und ausbeuterisches Verhalten unvermeidbare und natürliche Prozesse bedeuten (ein Beruhigungsmittel).

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Francisco José Avestruz mit Gartenzwerg Anzug

Es gibt selbstverständlich engagierte Künstler entlang der Documenta, die sich bewusst und geschickt mit der Gegenwart beschäftigen, die individuelle kritische Diskurse werden aber neutralisiert im Kontext einer pompösen massiven Kunstveranstaltung. Die Kritik und Thematisierung der einzelnen Projekte verdampft schweigsam innerhalb von einem extrem eurozentristischen Zusammenhang wo der standardisierten Klientel gesagt wird, dass natürliche und menschliche Katastrophen zusammen gehören und unvermeidbar sind. Unter diesem Prinzip wären die Verbrechen in den Kolonien und Neokolonien ein normaler Teil des natürlichen Prozesses der Welt, die in der Vergangenheit und heute noch im Namen der Privilegien vom Okzident anhand einer Flagge, einer effizienten Kriegsmaschinerie mit Rüstung, staatlichen/privaten Agenten, Investoren und Neo-Missionaren gelenkt werden. Während die privilegierten-entfremdeten Besucher sich mit der Anwesenheit von einem Zooccupy am Eingang des Fridricianums zufrieden stellen, wird 10 Minuten davon entfernt die Terror-Kriegsproduktion in den Fabriken kontinuierlich durchgeführt. Und andere erschrecken sich bestimmt über die jetzigen Zeichen von neuen Transformationsprozessen bei der Hinterfragung unseres Verhaltens in der Gesellschaft, befriedigen sie sich gleichzeitig mit ihren Fantasien oder Vorstellungen von Kunst und einer Darstellung von einer Welt, „die nicht in Ordnung ist, aber doch schlimmer seien könnte“.

 Die Documenta verblendet ihre Existenz als Instrument von neokolonialen Prozessen mit kleinen isolierten Dosen von Kritik und undeutlicher Denunzierung. Es ist ja mal „die“ internationale Kunstveranstaltung und würde nicht ernst genommen werden, wenn keine Kritik präsentiert wäre (mindestens tun als ob). Diese Kritik wird von CC-B sei es bewusst oder unbewusst verblendet und durch die herrschende Klasse kooptiert. Diese wirkt wie ein Placebo auf die soziale Krankheit einer unbewussten Gesellschaft.

So wird dabei die homogenisatorische Maschinerie der Documenta mit ihren so genannten (von der Artistic-Direktorin CC-B) „Artistic-Agents“, ein Instrument der Expansion, Okzidentsalisierung und Verblendung für die 100 Tage laufende Spielshow mit einem Budget aus privaten Investoren und staatlichen Gelder von 24 Millionen Euro(8) ausgerüstet. Das Verhalten des Documenta-Apparats spricht nicht nur das Verhalten von kolonialen Prozessen an, sondern auch das Verhalten des Marktes. Dieses wäre das holistische Verhältnis worauf CC-B sich diffus bezieht, ein homogenes Verhalten der Elemente des Neokolonialismus, die flüssig miteinander für den Status kooperieren. Ergebnis des ganzen flüssigen Miteinanders von Kultur-ReligionInstitutionen, Politik, Markt und Rüstung ist mehr als die Summe seiner Teile, ist mehr als Nationalstaat, es sind auch Neo-Co-Kolonien und strategische okzidentale Geschäftspartner in Kriesgebieten.

Der Satellit der Documenta in Kabul (die Perle der ganzen Show) übernimmt jetzt die homogenisatorische Rolle der missionarischen Stiftungen wie in den früheren kolonisatorischen Prozessen Amerikas mit der damaligen Zivilisierungspolitik(9) (civilization policy) (mit Amerika meine ich genau Amerika, das heutige Kontinent mit 35 Ländern und 3 Subkontinenten). Dieser Documenta Satellit als Neo-Missionar in dem „Post-war“ Gebiet von Afghanistan lässt sich nicht von früheren Missionierungen unterscheiden, die von den kolonialen Regierungen nach Ende und während des Terrors, blutiger Vertreibungen und Ausbeutung ihrer Völker und Territorien beauftragt wurden. Dies geschah in lass es uns mal so benennen „damalige Nachkriegszeiten“ um „im Namen Gottes“ und Okzidents das Verhalten, Sitten, Sprache und Glauben der koloniale Herrschende durchzusetzen, somit das kulturellen Bewusstsein eines ausgebeuteten, unterdrückten, demoralisierten und fast ausgelöschten Volkes zu annullieren. So wurde dann der mögliche künftige Widerstand einer unterdruckten Gruppe gebrochen durch eine gewaltige Modellierung der Volker, dieser in einer zweite-Klasse Gesellschaft transformiert, für die problemlose Versklavung und weitere Ausbeutung der „Indianer“ durch die neuen europäischen Siedler, die sich mit ihrer Kriegsmaschinerie durchsetzten.

So strebt die Documenta an das Fenster einer globalen Repräsentation von Kunst zu sein, sie stellt sich dar als die globale Leitkultur der Kunst, die Bibel der Kultur. Dort wird durchgesetzt was für ein Diskurs und wie die kulturellen Träger durch künstlerische Prozesse sein sollen oder was dadurch thematisiert werden soll. Sie interveniert in der Hauptstadt Afghanistans als „Retter der afghanischen Kultur“, als eine virtuelle Brücke zwischen den „idealen“ 70er Jahren des Bohemiens der europäischen Junkie-Viertel in Kabul mit dem One-Hotel des italienischen Künstlers Alighiero Boetti (ein wesentlicher Schlüssel des Spielchen), und das Kabul von heute als ein Wiederanfangspunkt, jetzt weiter unter dem Taktstock der US-Italienerin CC-B. Der Zeitraum dazwischen, die terrorisierte Gegenwart und das Schicksal Afghanistans durch Jahrzehnte Ausnutzung, Ausbeutung, Unterdrückung Terror via Okzident, bleibt erstmal still, wie ein dunkles Bild. Ein nationalistisch/eurozentristischer Diskurs von Frau Christoph ist nicht einfach zu verbergen. Der weg wird wieder und weiter frei gepflegt für „den Wiederaufbau“ Afghanistans.

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http://www.archivioalighieroboetti.it [Kabul, 1971]

 

Fußnoten


(1)
Die Wiederbewaffnungsdiskussion wurde von 1949 bis 1956 geführt und beschäftigte sich mit dem kontroversen Thema der Wiederaufrüstung und Atomare Massenvernichtungswaffen der Bundesrepublik Deutschland. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde diese wegen der noch anhaltenden Kriegsmüdigkeit und der erstarkenden Friedensbewegung heftig diskutiert.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wiederbewaffnungsdiskussion
http://www.lebenshaus-alb.de
http://www.friedenskooperative.de/ff/ff05/6-61.htm

(2)
http://regiowiki.hna.de/Zwangsarbeiter_im_Zweiten_Weltkrieg

http://de.wikipedia.org/wiki/Henschel_%26_Sohn

(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/Wegmann_%26_Co.
http://www.der-betrieb.de/content

(4)
http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinmetall

(5)
http://de.wikipedia.org/wiki/Krauss-Maffei_Wegmann

(6)
1950 Kirchenpräsident Niemöller kritisiert wiederholt den politischen Kurs der Bundesregierung zu den Themen Westorientierung und Wiederbewaffnung und Atomare Massenvernichtungswaffen. Damit löst er jeweils intensive Debatten aus. Im Oktober 1950 wenden sich Niemöller und die Bruderschaften gegen das Angebot von Bundeskanzler Konrad Adenauer, Westdeutschland wieder zu bewaffnen.
Kasseler Kirchenpräsident Martin Niemöller gehört zu den entschiedenen Kritikern, nachdem ihm 1954 führende Atomforscher (Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizäcker) erläutert hatten, dass Atombomben alles Leben auslöschen können. In Bezug darauf betont Niemöller am 25. Januar 1959 auf einer christlichen Friedenversammlung in Kassel bei der „Kasseler Rede“ die Verantwortung der Soldaten im Kriegsfall. Dabei kritisiert er die Ausbildung von Kommandotrupps zum gezielten Töten von Gegnern als "Ausbildung zum Verbrechen und für das christliche Gewissen unvereinbar". Er wird in Zeitungen "Soldatenausbildung als hohe Schule für Berufsverbrecher" zitiert. Ein auch innerkirchlicher Sturm der Entrüstung beginnt. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß stellt Strafanzeige, Präses Wilhelmi, der zu diesem Zeitpunkt für die CDU im Bundestag sitzt, und Niemöller ringen vor der Synode um das Thema.
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin...

(7)
Hans Filbinger CDU, Karl Carstens CDU, Kurt Georg Kiesinger CDU, Hans Globke CDU, Karl Maria Hettlage Industrieller, Adolf Heusinger General, Hans Speidel General, Waldemar Kraft CDU, Theodor Oberländer CDU, Karl Schiller SPD, Frank Seiboth, Frank Seiboth SPD, Hubert Schrübbers BfV...

(8)
Der Etat der im Juni beginnenden documenta beträgt 24,6 Millionen Euro. Der Bund schießt über die Kulturstiftung 3,5 Millionen zu, das Land Hessen und die Stadt Kassel geben jeweils 4,4 Millionen Euro. Die anderen 12 Millionen kamen aus privaten Investoren.
http://www.hr-online.de/website/specials...

(9) „Civilisation Policies“
http://www.jstor.org/discover/10.2307/
http://www.answers.com/topic/indian-policy-u-s

(x)http://www.spiegel.de/wikipedia/Luftangriff_bei_Kunduz.html
 
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