|OKK| - Organ kritischer Kunst - organ of critical arts



_Bienalisation of political arts
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POT/Kassel
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Biennalisierung politischer Kunst

Otto Karl Kamal (08/12)

Zuckerbrot und Peitsche - Militär und Kultur, eine Erfolgsgeschichte aus Kassel

Wenn wir über Kassel und die documenta reden, müssen wir auch immer im Hinterkopf behalten, dass wir hier über einen Ort reden, der seit vielen Jahrzehnten ein wichtiger Standort der deutschen Rüstungsindustrie ist. Die Nähe von Krieg und Kultur ist kein neuer Zustand geopolitischer Strategien. Anhand des Beispiels von Kassel wird deutlich, wie die Kulturpolitik (auf globaler/sowie regionaler Ebene) sich als Teil hegemonialer Machtstrukturen herauskristallisiert, mal deutlicher, mal versteckter, aber durch die Zeit hindurch konstant. Die derzeit wichtigsten Rüstungs-Player in der Kasseler Region (mit milliardenschweren Umsätzen) sind:
Rheinmetall Defense, Krauss-Maffei Wegmann und Eurocopter (1)

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Pablo Hermann, Afghaniswahn, 2011, Tusche und Acryl auf Papier, 20x30cm,

Ein Leitmotiv, das für Christov-Bakargiev über die Reflexion der Vergangenheit hinausgeht. "Kassel ist eine Stadt, die zerstört und wieder aufgebaut wurde", so die documenta-Chefin. "Und inmitten der Trümmer gab es die erste documenta. Dieser Aspekt brachte mich dazu, einer Frage nachzugehen. Wenn ich die Gegenwart anschaue, habe ich Probleme damit, die Gleichzeitigkeit von Zusammenbruch und Wiederaufbau zu verstehen. Für Afghanistan, beispielweise, gilt beides: ein nach dem Krieg und ein im Krieg. Das ist merkwürdig. Der Krieg endete 2004, alle kamen zurück und der Krieg schien vorbei zu sein. Gleichzeitig sagt jeder, es herrscht dort noch Krieg. Der Unterschied zwischen heute und 1945/46 ist, dass Krisen und Nichtkrisen gleichzeitig bestehen können." […] (http://www.3sat.de/page/?source=/ kulturzeit/themen/160698/index.html)


Was Frau Christov-Bakargiev hier betreibt ist die Verbreitung einer nicht ganz neuen Propagandalüge, nämlich der, dass der Afghanistankrieg 2004 beendet wurde. Alle Fakten sprechen für einen proportional größeren Teil der Todesopfer in der Zeit nach 2004 als in den drei Jahren davor. Ich ziehe hier ‚nur‘ die militärischen Opfer zum Abgleich heran, die zivilen Opfer sind bekanntlich um ein tausendfaches höher (alleine 2010 über 10.000 zivile Opfer) (2). Die alliierten Truppen hatten von 2001-2004 genau 200 Gefallene zu beklagen, von 2005-2012 waren es insgesamt 2944 (3). Bei einer solch evidenten Statistik vom Ende des Krieges oder von ‚Nichtkrise‘ zu sprechen ist entweder sarkastisch, oder aggressiv naiv und weltfremd. Und wer die Geschichte von Afghanistan mal in die letzten Jahrhunderte hinein verfolgt, wird eine kontinuierliche Kette von kolonialen Kausalitäten und die dadurch ausgelösten bewaffneten Konflikte und Kriege herauslesen können, die den Gedanken an eine wie C.B. es nennt („Nichtkrise“), äußerst schwer fallen lässt (4).alt
Jeramy Turner, “founding fathers”, 2007, oil on canvas , 2x2m


„[…][wo] explizit Verknüpfungen zu Kassels Nachkriegsgeschichte und zu aktuellen Beispielen kriegerischer Zerstörung weltweit aufgezeigt werden. In Kassel sind diese Themen auch ohne die documenta jederzeit präsent, ohne jedoch von der Öffentlichkeit wirklich wahrgenommen zu werden. Schon die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg hing eng mit den vor Ort angesiedelten Rüstungskonzernen zusammen. Die anschließende „Erfolgsgeschichte“ des Wiederaufbaus brachte dabei nicht nur die viel diskutierte 50er-Jahre Architektur in die Innenstadt, sondern auch eine schnelle Erholung der Kasseler Rüstungsindustrie mit sich. Von Deutschland bis Chile, vom Kosovo bis nach Afghanistan sind heute Waffen aus Kasseler Produktion im Einsatz.[…]“ http://dorn.blogsport.de/2012/01/11/ kassel-documenta-stadt-ruestungsstadt/


- „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ - Collapse and Recovery

Ist das einzig zu erkennende Leitmotiv, der derzeit noch laufenden documenta(13), die unter ihrer Kuratorin und dem Programm das sie zusammengestellt hat, eine nie dagewesene Anziehungskraft des Publikums entfaltet. Dies mag an ihrer unbekümmerten Art liegen mit den tradierten klaren konzeptuellen Richtlinien vorangehender dOKUMENTA´s zu brechen, die einen thematischen roten Faden durch die Ausstellungen ziehen. Das „no-concept-concept“ scheint eine gewisse Attraktivität auf das Publikum zu haben. Wenngleich es auch an einigen Stellen unbeholfen, ja gar naiv wirkt, wie die „kolonial-manieristische“ globale Expansion der „serious (white) culture“ durch die Satelitenausstellung in Kabul, angeblich zur Heilung historischer, sozialer und kultureller Wunden (sowohl bei Tätern, als auch Opfern!). Diese naive Herangehensweise an politische Komplexe ist manchmal erschreckend und zeugt entweder von Oberflächlichkeit oder einer gezielten Ausklammerung unangenehmer Wahrheiten. Es wird der Wiederaufbau gepredigt (im Übrigen mit den gleichen Schlagwörtern mit denen ein Jahrzehnt vorher der Terror des Krieges Einzug gefunden hat: Demokratie und Freiheit) aber ein nicht-Zustand des Krieges und seiner Auswirkungen herbei beschworen, ohne eine radikale Analyse von Ursachen und Hintergründen (z.B. Ökonomien) zu vollziehen.
Die, 1955 von den Westmächten (und ihrer neuen, zur Demokratie kulturell „erzogenen“, Deutschen Verbündeten) installierte Kunstgroßmesse in der ( damals ex-und-bald-wieder) Rüstungsstadt Kassel, sollte zur Genesung des Deutschen Volkes dienen, folgerichtig war es die ‚entartete Kunst‘ als Erste zur Rehabilitation auszustellen. Dieser sozio-pädagogische Anspruch wird auch heute noch aufrechterhalten, wenn auch heute ein Kampf um die Deutungshoheit von medialen Symboliken entbrannt ist, die Monopolisierung der Kunstvermittlung zum Beispiel, die von dem documenta Team durchgedrückt wurde ist nicht mehr, als die Bevormundung der Interpretationsmöglichkeiten gegenüber der Kunst. Die lineare Unidirektionalität der Wahrnehmung von Kunst wird hierdurch anstatt aufgebrochen zu werden, nur noch verstärkt. Die Denk- und Interpretationsmuster sind vorgegeben und fast schon absolut. Der Betrachter wird in seiner Wahrnehmung fremdbestimmt. Auch die Leseart über die behandelten Konflikte und Probleme ist vorgegeben, alle machen dieselbe Lernprozedur (z.B. über Afghanistan) durch. Die Afghanischen Künstler_innen haben im Übrigen auch ihren [„okzidentalistische ‚serious culture‘ Kunststrukturen verstehen und anwenden lernen“], Lernprozess durchlaufen, die Politiken des europäisch, bourgeoisen Kunstverständnisses und der damit einhergehenden methodischen, medien-strategischen Umsetzungen angenommen und eine stringente Hinterfragung der herrschenden Strukturen weitgehend ausgeblendet.
In diesem speziellen Fall müssen die gesellschaftlichen Wunden eines misslungenen, imperialen Krieges nun mit der Kultur geheilt werden, am besten man tut dies indem man die Patienten in einen sedierten Zustand versetzt, der über die schmerzhaften Wahrheiten hinweghilft. Den bösen, nicht abwendbaren (also intrinsisch ‚natürlich‘ - folglich unvermeidlichen) und unpopulären Krieg möglichst schnell vergessen heißt die Devise. Dies wäre auch dem Bundeswehr-Rückzug aus Afghanistan aus diplomatischer Sicht, Balsam auf die Seele. Und wenn wir schon angestrengt beim Vergessen sind, womöglich im gleichen Akt auch gleich das vergessen, was die wahren Interessen hinter der militärischen Intervention am Hindukusch sind, nämlich die der Protektion ökonomischer Interessen vor allem mittelfristige Ressourcensicherung und freie Handelswege/Pipelines (5). Es gibt auf der ganzen documenta keine künstlerischen Positionen, die so eine analytische Arbeit durchführen und hinter die Kulissen der derzeitigen geostrategischen Kriegsführung, mit Angelpunkt in Afghanistan, schauen. Marc Lombardi hat leider nie die Chance dazu bekommen!
Kann man diese ignorante Haltung der Kuratorin C.B. verübeln? Die Angst vor der Wahrheit ist gewiss groß! Schließlich hat es, nur in diese Richtung laut zu denken, den höchsten Mandatsträger der Republik, 2010 seinen Posten gekostet, weil er dies deutlich und klar zu benennen wagte (sei der Rücktritt nun aus eigenen Stücken gewesen, oder wie auch immer). Man nimmt es kaum war, aber auch die bundesrepublikanische, präsidiale Schmierentragödie nahm ihren Anfang in Afghanistan!

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Bundespräsident Köhler, 2010

Haarrisse eines liberalen Systems: bb7-documenta (13)
- Nationalismus in der internationalen Kulturshow
“[…] the pivot of the national-popular concept remains, through all the notes, the ideal relationship between intellectuals and nation-people, a relationship that has been lacking historically and still waits to be created. this relationship, is then developed in a positive sense by being linked to Jacobinism, hegemony, the organic bond between knowledge and feeling, the historical bloc, the recongition of the need to pass through a national stage, and the reflection on historical models (Dostoyevsky, Shakespeare, the Greek tragedians, Abba, Gioberti). At the same time it is developed in a negative sense, as the diagnostic key to a lack or abscence, in the many polemical notes against 'i nipotini di padre Bresciani', Catholic intellectuals, the fascist writers of the 1920s ruralist-nationalist movement called strapaese, and in the acerbic observations on a popular taste which has remained stuck at the stage of french serial literature of a century before.”
.(Quote: “performing national identity – anglo-italian cultural transactions” (s.188) Edited by Manfred Pfister und Ralf Hertel, Editions Rodopi B.V., Amsterdam 2008, ISBN: 978-90-420-2314-7)

Dieses Zitat bezieht sich auf nationale Identitätsbildung während der 20er Jahre im faschistischen Italien bei der auch der documenta-Star Morandi aktiv beteiligt war. Ob bewusst oder nicht C.B. betreibt Geschichtsklitterung auf höchster ästhetischer Stufe. Wie schon vorher von Zmijewski auf der BB7 praktiziert, wird eine Identitätsbildung immer an nationalen und/oder ethnizistischen Parametern festgemacht. Auf der documenta ist es viel subtiler, nicht eine brachiale Agit Prop Sprache kombiniert mit dem gründlich misslungenen Versuch der Anwendung von Überidentifikation (siehe Querfrontstrategien) wie auf der Berlin Biennale7. Das ästhetische Feingefühl (wenn man bei Zmijewski überhaupt von einem solchen reden kann) von Frau Christov-Bakargiev ist recht gut aus-tariert und sie verzichtet auf den schrillen, plakativen Popfaktor aus Zmjiewski’s Visualisations -Trickkiste. Trotz so grundlegender Unterschiede ist der Bezug des Nationalen, mit vielen künstlerischen Positionen auf beiden Großevents, sehr ausgeprägt mitbedient. Die Fokussierung auf nationale Strömungen wie die der Kuratorin, in Bezug auf ihre Europäische Heimat Italien, sich mit Hauptaugenmerk auf Arte Povera und die einhergehende Deklaration Morandi, als deren geistigen Vater zu bezeichnen, spülen den faden Beigeschmack, nationalistisch-regionalistischer Kulturförderung durch Mussolinis Faschisten, ins Gedächtnis. Dies geschah bei Gruppen wie die „9oo“ (Novecento)(7), „Strapaese“(8) oder publizistischen Organen wie „il selvaggio“ (9) und „il italiano“. Hierbei sei festgestellt, dass Morandi bewiesenermaßen in mindestens drei dieser nationalistisch-faschistischen Vereinigungen, über viele Jahre hinweg, beruflich aktiv war.
“[…] He [Morandi - d. Red.] participated in the right-wing, ruralist Strapaese movement of the late nineteen-twenties. His attitude toward Mussolini, whose regime gave him teaching jobs, was more positive than not, although he was briefly imprisoned in 1943 for associating with anti-Fascists. (If ever an artist merited political amnesty, on the ground of unworldliness, it would be Morandi.) Fame came to him after the war: he won first prize for an Italian painter at the 1948 Venice Biennale, and became so revered in Italy that filmmakers, notably Federico Fellini, in “La Dolce Vita,” used his work as a ready symbol of lofty sensibility. Morandi had a last adventurous phase of nearly abstract drawings and watercolors that condense into swift marks a lifetime of looking. […]” http://www.newyorker.com/arts/critics/artworld/ 2008/09/22/080922craw_artworld_schjeldahl
Wenn Christov-Bakargiev dies ausblendet - und sie kann es, als eine der renommiertesten Expertinnen für diese Kunstrichtungen (arte povera + Vorgänger), nur bewusst tun - dann fragt man sich wie ernstgemeint sind die Ansprüche von documenta -(tion) von Kunst und ihren pädagogischen Ansätzen. Die Verortung des Nationalen spielt unterbewusst doch noch eine größere Rolle als uns augenscheinlich eingeredet werden soll. Nationale Verortungen sind sowohl in der Grundstruktur (Entwicklungshilfe-Export-Modell-documenta), als auch in den meisten präsentierten Kunstwerken selbst, maßgeblich an der Bildung von Identität(en) beteiligt.
Einhergehend mit dem eurozentristischen Gedanken der „ernsten Kunst“ (serious culture, man könnte sie auch als ‚kompetitive Kultur‘ bezeichnen), die es fast nur als Exportware gibt zeichnet sich ein Bild ab, das die historischen Bezüge zu Kolonialismus und gegenwartsbezogen, zum westlichen Imperialismus zwar in einigen Werken kritisiert, aber im Großen und Ganzen diese kritischen Punkte substanzlos werden lässt, da die angewandten Systemschemata von Krieg und Kunst sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Das liest sich dann so: die überlegenen Europäer und Amerikaner errichten aufgrund einer ökonomischen Abhängigkeit ein Diktat in den sog. Krisengebieten, eine Bevormundung auf politischem (militärischem) und auch kulturellem Feld. Die Anderen kollaborieren mit Ressourcen (von Erdöl über Humankapital bis Coltan) und bekommen dann, als Gegenleistung (Schein-) Demokratie, und die westliche Notion von Freiheit und Sicherheit. Und was noch viel wichtiger ist, die nationale (ethnische) Identität der invadierten Völker wird gewährleistet. Das System Zuckerbrot und Peitsche erweist sich als transdisziplinäres Erfolgsmodell von Militär und Kultur.

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Till Ansgar Baumhauer, Kriegsteppich, 2010/11, 165x85 cm


- Elitismus in der Kunst:
Diese im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Bezüge zu nationalistischen Traditionen und ihren künstlerischen Ergüssen, lassen sich auch auf eine parallele Ebene, innergesellschaftlichen Klassenverständnisses uminterpretieren. Sprich die Bedienung des nationalistischen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, ist die Weiterführung einer klassistischen Denkstruktur auf professioneller Ebene. Die Aussagen von Hauptkurator Zmijewski, dass nur ein kleiner privilegierter Teil der arbeitenden Bevölkerung in der Lage ist Kunst zu schaffen und, dass diese Fähigkeit nur durch eine gezielte akademische Aneignung zu erreichen ist, wird auch von Christoph-Bakargiev weitestgehend geteilt. Diese Sichtweise zeugt von einer Denkstruktur der elitäre Denkschemata zu Grunde liegen. Dieser ästhetische Elitismus ist meiner Meinung nach ein Gegenstück zur wahren Essenz von künstlerischem Aktivismus und damit, eine ethische Gegenposition der derzeitigen Strömungen von politischer Kunst, die sie ja in ihren kuratorischen Projekten für sich beanspruchen. Der pluralistische Denkansatz einer „freien internationalen Universität“ wie sie Beuys und Kollegen auf der documenta 7 (1982) vorgestellt und bearbeitet haben, ist zu Zeiten der documenta13 und der BB7 nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein der Kunstgeschichte.
- Naivität und Kuratorie:
Eine weitere Gemeinsamkeit zusätzlich zu den oben erwähnten, ist die (bewusste oder unbewusste?) Naivität der Kuratoren solch wichtiger gesellschaftlicher Projekte im Umgang mit komplexen politischen Zusammenhängen. So wie Zmijewski sein, mit Fettnäpfchen bestelltes Feld des Nationalsozialismus und der Bearbeitung der Shoa hat und außer dumm, provokanten Attitüden in der Bearbeitung dieser politischen Felder nicht viel vorzuweisen hat, so hat Christoph-Bakargiev ihre abgrundtief, naive Position gegenüber der Hegemonialpolitik, die in Afghanistan mit Bomben und Granaten zementiert wird und die grob fahrlässige, geschichtliche Bearbeitung ihres faschistischen Kunsthelden Morandi. Hier stellt sich nur noch eine letzte Frage: sind die Gremien der Bundeskulturstiftung, welche die Akteure auswählen, nicht in der Lage die Personen und ihre Arbeit und Diskurse gründlich zu recherchieren?

Kritikpunkte in der politischen Hinterfragung im documenta Konzept:
- Heroisierung umstrittener Personen

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Pablo Hermann, “I didn´t see anything, …except bottles”, digital graphic, 2012

Wie oben schon erwähnt wird, durch eine regelrechte Verherrlichung mancher fragwürdiger Personen, ein Kult um Heroen der Kultur initiiert. Die Hauptfigur für Christoph-Bakargiev ist der italienische Maler Morandi der eine braune Vergangenheit nicht konkret von sich weisen kann.
[…]Morandi participated in the Novecento exhibitions of 1926 and 1929, but his work had greater affinity with the Strapaese movement, which was inspired by provincial cultural traditions. […] http://www.estorickcollection.com/permanent /Giorgio_Morandi.php
Die Tatsache der Heorisierung und der Zementierung dessen was man als Künstlermythos bezeichnen kann, lässt die Kuratorin doch eher in einem Licht einer fast schon reaktionären Position stehen. Ihre Erklärung der politischen und kritischen Kunst den Weg zu ebnen, passt nicht wirklich zu solchen retro-renaissentistischen Positionierungen (der Künstler als genialer Schöpfer). In Anbetracht der Tatsache, dass die neuen sogenannten ‚avantgardistischen‘ Strömungen in der Kunst sich eher in eine Richtung von Kollektivismus und kommunitaristischer Kunstproduktion bewegen, scheint das Modell was Christoph-Bakargiev hier anwendet wohl eher verstaubt und konservativ. Politische Kunst dient hier nur noch als sensationalistisches Zugpferd einer hegemonialen Kultur, die in der Lage ist fremde Kulturen zu hybridisieren und innerhalb der eigenen, die kritischen Alternativen gleichzuschalten und durch Verschiebung der Parameter, diese in den Einzugsbereich des Hegemon zu holen. Die Situationisten sollten am Ende mit ihrer Analyse der Kunst als Zuckerbrot des Kapitals Recht behalten haben.

- Kader Attia´s Narben- und Maskenkabinett (Kader Attia: "The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures", 2012)
Vorweg möchte ich sagen, dass es bei dieser Kritik nicht um eine ästhetische Analyse geht, Kader Attias Werk ist sowohl künstlerisch als auch technisch von höchstem Niveau, umso mehr wundert es mich, dass eine solche Lektüre wie ich sie im Anschluss darstelle überhaupt zustande kommen kann. Das problematische bei dieser Arbeit ist nicht die sonderbare Zusammenstellung verschiedener Kontexte, sondern deren Lektüre als exotistische Gegenüberstellung von zwei grundlegend unterschiedlichen Sachverhalten menschlichen Handelns. Zum einen haben wir die plastische Chirurgie Kriegsversehrter aus dem ersten Weltkrieg und zum anderen die Skarifizierungen (Narben-Tattoo) Afrikanischer Stämme. Hier wird beides, eine durch kriegerische Gewaltausübung hervorgerufene Verstümmelung und eine kulturell, ästhetisch motivierte („natürliche“ – weil es Teil eines Rituellen Handelns ist), korporale Intervention gleichgesetzt, ohne weitere Hinterfragung der ethischen Herkunft dieser Handlungen. Sprich eine ‚natürliche‘ Vernarbung menschlicher Körper, die (im entstandenen Kontext) keinerlei negative Konnotationen mit sich bringt ist vergleichbar mit einer, durch die barbarischste aller menschlichen Handlungen hervorgerufenen Entstellungen menschlicher Körper, nämlich Kriegsverletzungen. Dies liest sich so, dass das, was für die autochthonen Völker Afrikas normal und durchaus ästhetisch wertvoll ist, für Okkzidentale eine furchtbare Entstellung darstellt. Andersherum ist die Verstümmelung von Kriegsteilnehmern gleichzusetzen mit einer natürlichen, kreativen Entstellung des Körpers. Auch hier wird innerhalb der Lektüre des Werkes eine Parallele zwischen natürlichen Ereignissen, sprich dem Zerfall und Korrosion der Materie (rituelle Stammesnarben als Prolongation der Natur auf die menschliche Identität), und der kriegerischen Zerstörung durch hegemoniale Machtpolitik gezeichnet. Ist organisch, natürliche Korrosion gleichzusetzen mit Schäden, hervorgerufen durch menschliche Valenz? Hier passiert eine ästhetische Aufhebung der Kritik an der Destruktion durch imperiale Politik (WW1) durch „Naturisierung des Krieges“, indem man menschliche und natürliche Katastrophen gleichsetzt. Das Unvermeidbare schicksalhafte soll musealisiert werden, als eine böse Erinnerung die man sich immer wieder vor Augen führen kann, aber der man sich auch ganz bewusst entziehen kann. Durch das Entsetzliche der menschlichen Bilder einzelner Individuen, wird eine „simultane Nähe“ zu dem Opfer erzeugt, die den Blick auf die direkte menschliche Misere lenkt, die Hinterfragung der kriegerischen Mittel erfolgt nicht, sie wird als eine Katastrophe mehr vermarktet und letztendlich als ein zu bedauerndes, aber nicht abwendbares Übel deklariert.
- Weiße Kriegsversehrte vs. Schwarze mit rituellen Transformationen
Die Tatsache, dass hier von einer europäischen Position heraus eine Bewertung, beziehungsweise ein Urteil über die ästhetischen Manifestationen von afrikanischen Stammesangehörigen abgegeben wird, und dieses durch eine bizarre Gegenüberstellung erfolgt, lässt eine Lektüre zu die durchaus koloniale Züge hat. Durch eine eurozentristische Ästhetik soll kulturelle Genesung entstehen. Kader Attia spricht von einer Hybridisierung der Kultur, die den ‚unterentwickelten‘ Kulturen, aber auch der europäischen Kultur nur zugutekommen kann. Jedoch ist es schwer, aufgrund der europäischen Kolonialgeschichte, eine solche Hybridisierung nicht als einen erneuten Versuch zu werten, sich die Deutungshoheit anzueignen, in diesem Fall auf dem Feld der Ästhetik, um eine überhebliche, eurozentristische Position zu manifestieren. Ein versteckter kultureller Rassismus lässt sich, in dieser künstlerischen Arbeit und der entsprechenden theoretischen Erklärung dazu, leider nicht leugnen.

- Die Afghanistan Orbitale: Negation des Krieges und des imperialistischen Zugriffs auf Resourcen
In die Serie des imperialen Gedankens, der sich hier auf mehreren Ebenen manifestiert, lässt sich die Idee Cristoph-Bakargiev´s, durch exportierte, europäische ‚serious culture‘ die Afghanische Gesellschaft heilen zu können, gut einreihen. Was die Politik mit struktureller, ökonomischer und sogar militärischer Gewalt nicht geschafft hat, soll nun die Kultur erledigen. Das Afghanische Volk soll letztendlich nun durch vorgegebene ästhetische Praktiken und Herangehensweisen aus der Dunkelheit, von einem über dreißig Jahre währenden Krieg geführt werden. Die Message lautet: wir sind die kulturellen Heilsbringer aus dem Westen.

Konklusion:
Abschließend lässt sich feststellen, dass eine solche große Schau der westlichen Kultur, eben auch nur die Kultur der Gesellschaft widerspiegelt, die sie erschaffen hat. Die Kultur ist ein ästhetisches Abbild dessen was die ethischen Werte dieser Gesellschaft darstellen. Einzelne kritische Künstlerpositionen, die eine ernste und kontinuierliche Analyse des kapitalistischen Systems durchführen, werden neutralisiert und die politische Kunst für politische Zwecke gebraucht, die man derzeit verfolgen will, nämlich ein Land aufbauen für dessen Zerstörung man die Verantwortung mit übernehmen muss. Postmilitärische Interventionen zum Machterhalt der eigenen wirtschaftlichen, kulturellen und hegemonialen Interessen. Die Kunst ist das Zuckerbrot, die Waffen sind die Peitsche, beides wird produziert in der Documentastadt Kassel.


Fußnoten

1 http://www.ippnw.de/print/frieden/friedenspolitik.html ,
http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinmetall
,
http://de.wikipedia.org/wiki/Wegmann_%26_Co.
,
http://de.wikipedia.org/wiki/Krauss-Maffei_Wegmann
,
http://de.wikipedia.org/wiki/Eurocopter_Group


2 http://de.statista.com/...

3 Afghanistan; Stand: 17.08.2012; http://www. icasualties.org

4 http://www.ag-friedensforschung.de/...

5 http://en.wikipedia.org/wiki/Trans-Afghanistan_Pipeline ,
http://en.wikipedia.org/wiki/Afghanistan_Oil_Pipeline

6 http://www.kritische-kunst.org/en/bb7-2012...

7 http://en.wikipedia.org/wiki/Novecento_Italiano

8 http://it.wikipedia.org/wiki/Strapaese

9 http://it.wikipedia.org/wiki/Il_Selvaggio_(rivista) ,
http://www.answers.com/topic/il-selvaggio



Lekture/Recherche


http://www.dradio.de/aktuell/1777953/

http://www.sueddeutsche.de/kultur/documenta...

http://www.taz.de/Chefin-der-Documenta-13/!94461/

http://www.taz.de/Eroeffnung-der-Documenta/!95027/

http://www.taz.de/Halbzeit-Documenta/!98344/

http://de.wikipedia.org/wiki/Elitismus

http://www.presseportal.de/pm...

http://politischekommunikation.wordpress.com/...

http://de.wikipedia.org/wiki/Giorgio_Morandi

http://www.weeklystandard.com/Content/...

http://books.google.de/books/about/Giorgio_...

http://de.wikipedia.org/wiki/Pittura_metafisica

http://www.kettererkunst.de/lexikon/valori-plastici.shtml

http://www.badische-zeitung.de/ausstellungen/...

http://www.answers.com/topic/il-selvaggio

http://books.google.de/books?id...

http://books.google.de/books?id=X...

http://books.google.de/books?id=SZ...

http://www.bottegascriptamanent.it/?...

http://mostreemusei.sns.it/index.php?pag...


 
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